Spielen und Forschen

Wettbewerb

Veronike Hinsberg
     

1. Platz des Kunst am Bau Wettbewerb für die Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Neubau eines Labor- und Praktikumsgebäudes für Pharmazie und Biologie

Realisierungssumme 29.400,- €

2014

 

Erläuterungsbericht des Wettbewerbentwurf

 

"Das Spiel ist die höchste Form der Forschung." (Albert Einstein)

 

1. Künstlerische Idee

Während des Rückfragekolloquiums zum Kunst am Bau-Wettbewerb für den Neubau des C_DAT an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald hat u.A. eine kurze von Dr. Siegmund gezeigte Animation mein Interesse erregt. In der Animationssequenz bewegten sich kleine rote Kreise in Bahnen über den Bildschirm und sammelten sich teilweise innerhalb eines bestimmten Bereiches. Die restlichen Kreise zerstreuten sich. Diese durch Farbe und Bewegung hervorgehobenen Formen stellten in diesem Fall den Weg und die Aufnahme des Wirkstoffs im Körper dar, der sich an manchen Orten konzentrierte, um dann über verschiedene Wege ausgeschieden zu werden. Diese Transport- Aufnahme- und Ausscheidungsprozesse von hochkomplexen Stoffen innerhalb des Körpers konnte uns Laien anhand der bewegten Kreise anschaulich gemacht werden.

 

Die runde Form steht hier beispielhaft für eine nicht näher bezifferte Einheit eines Stoffs. Darüber hinaus ist der Kreis/die Kugel durch ihre Form prädestiniert für Rotations- und Translationsbewegungen und damit auch ein Zeichen für (Fort-)Bewegung schlechthin.

 

Die kurze Animation weckte in mir die Assoziation GLASMURMEL:

• Die Faszination eines runden, glatten und lichtdurchlässigen Objekts, das man gerne in der Hand hält, betrachtet und rollen lässt.

• Die Schönheit der gleitenden oder ruckelnden Bewegung über glatte oder unebene Flächen, die irgendwo zur Ruhe kommt.

• Von Murmelspielen, bei denen es darum geht, einem Punkt möglichst nahe zu kommen oder die Kugel in ein Loch zu versenken.

• An die regelmäßige Anordnung von Kugeln auf Flächen, in Lagen oder in Haufen, in hexagonalen oder kubischen Packungen.

 

Glasmurmeln animieren zum Spielen, zum Sammeln und Sortieren.

Die Parallelen von Spielen und Forschen sind vielfältig. Man setzt einen Rahmen. Man grenzt etwas auf einen bestimmten Bereich ein, auf einen Inhalt oder auf auf eine beschränkte Anzahl von Objekten. Man befragt die Dinge nach ihren Eigenschaften und Zusammenhängen. Man entwickelt Strategien, stellt Regeln auf und übt sich in Geschicklichkeit. Man probiert und verwirft, scheitert oder triumphiert. Im vorliegenden Entwurf Spielen und Forschen für den Innenhof des C_DAT der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald steht das Spielen und das Teil-Sein an einem Prozess im Vordergrund.

Ausgangssituation und Basis für diesen Prozess und die Anteilnahme daran ist das Sitz- Podest, das für die Gestaltung des Innenhofes vorgesehen ist. In die 250 x 250 cm große Holzfläche des Podestes werden zwei Metallschalen bündig eingelassen (Durchmesser 60cm/100 cm). In eine dieser Vertiefungen werden Glasmurmeln gefüllt. Bei Tagungen, Symposien oder im täglichen Lehrbetrieb sollen in der Schalen mal mehr, mal weniger der Kugeln vorhanden sein: in überbordender Fülle oder in überschaubarer Anzahl. Die leere Vertiefung ist zum Spielen da.

 

Diese Anordnung von Podest mit eingelassenen Vertiefungen und Murmeln ist die Voraussetzung für einen Prozess, der hier in Gang gesetzt wird. Im Laufe dieses Vorgangs werden alle vorhandenen Kugeln nach und nach verschwinden: vor Ort aufgenommen, an einen anderen Ort transportiert und dort und von anderen Objektmengen "absorbiert". Vor Ort können die Kugeln als Material zum Spielen genutzt werden; sitzend auf dem Rand des Podestes, im Gespräch mit Kommilitonen und Kollegen, von Hand zu Hand geschubst, in den Vertiefungen der Schale gerollt, auf der Anhäufung gestapelt. Sie können als Anschauungsbeispiel innerhalb einer Fachdiskussion fungieren und als Handschmeichler oder optisches Spielzeug dienen.

 

Studierende, Konferenzteilnehmer oder Anwohner werden jedoch auch Kugeln mitnehmen. Durch die Benutzung und Mitnahme der Kugeln werden die Spieler und zukünftigen Besitzer Beteiligte und Teil des Werks.

In Manteltaschen oder Koffern, in der Hand oder im Rucksack werden sich die Kugeln von dieser Basis aus in verschiedene Richtungen verteilen: einige der Kugeln finden den Weg ins Gebäude hinein, andere werden sich auf dem Campus oder der Stadt Greifswald wiederfinden. Oder in einer Obstschale einer Berliner Privatküche, auf dem Fensterbrett eines Schweriner Büros, in kooperierenden Instituten, Kliniken oder auf einem Schreibtisch in der Schweiz. Oder den USA. Oder in der Hosentasche eines Kindes irgendwo auf dieser Welt

 

Der- oder Diejenige, die das Glas-Objekt im Innenhof des C_DAT mitgenommen hat, wird sich beim Betrachten des Objektes erinnern an sein/ihr Studium, an eine bestimmte Konferenz oder an einen abendlichen Besuch auf dem Campus. Oder man findet eine Kugel dieser Farbe und Größe in einem fremden Büro wieder und dies bietet Anlass zu einem Gespräch über eine bestimmte Zeit, über stattgefundene Konferenzen oder spezifische Inhalte eines Symposiums. Die Erinnerung daran wird sich mit der aktuellen Situation verknüpfen und ihre Wirkung entfalten.

 

Was mich hier interessiert ist einerseits die Analogie der Verteilung, des Transports und der Absorption von Einheiten: Wirkstoffen im Körper einerseits und Glaskugeln auf dem Globus andererseits. Beides folgt bestimmten Prinzipien und Bahnen, und Beides erzielt Wirkungen, löst etwas aus. Und die Analogie von Spiel und Forschung im Generellen.

 

Sobald der Kugelvorrat aufgebraucht ist (ca. 1.400 Stück pro Jahr) werden die Metallvertiefungen entfernt und die Holzfläche des Sitzdecks erneuert. Die Kugeln haben sich verteilt, sind weiterhin auf der Reise oder haben vorläufige Orte gefunden. Und es bleiben hier, da und dort die Erinnerung an den Ausgangspunkt der Kugeln sowie an damit verknüpfte Situationen und Sachverhalte.

 
(Abbildungen: © Veronike Hinsberg, VG Bild-Kunst)